Du-bist-wunderbar-Brief #9

Angenommen-Sein ist aus meiner Sicht das größte Geschenk des Lebens. Da ich es liebe Herzens-Geschenke zu machen, schreibe ich in diesem Herbst und Winter Du-bist-wunderbar-Briefe, in denen ich Menschen, so wie sie sind, ganz annehme.

Lieber Sitznachbar,

als wir uns begegneten sah ich als erstes deine freundlichen Augen. Doch sah ich auch etwas anderes. Traurigkeit.

Du blicktest deine Frau voller Liebe und Zärtlichkeit an. Und immer schwang da eine gewisse Traurigkeit mit.

Du erzähltest von deiner bestandenen Gesellenprüfung, von Eurem Familienbetrieb, von deiner Familie. Jedes Lächeln von dir wurde von einem traurigen Blick begleitet.

Deine Eltern sind vor mehr als 30 Jahren vor dem Krieg im Libanon nach Deutschland geflohen. Sie waren voller Angst und wähnten sich in Deutschland in Sicherheit.

Bis zu dem Tag, als deine Mutter wie immer bei geöffnetem Fenster Eure kleine Wohnung putzte. Sie verließ kurz den Raum, in dem dein vier Monate alter Bruder schlief.

Plötzlich flog ein Brandsatz durch das geöffnete Fenster. Dein Bruder erlitt schwere Brandwunden im Gesicht, am Kopf, am Oberkörper und an den Armen.

Es ist ein Wunder, dass er diese schweren Verbrennungen überlebte. Es ist ein Wunder, dass er das Gehen später gelernt hat. Einige Finger mussten teilweise amputiert werden. Du weißt nicht, wie er es macht, aber er kann greifen, erzählst du mir. Sein Gehirn wurde so schwer geschädigt, dass er seit dem Tag behindert ist.

Deine Erzählungen klingen recht sachlich, doch höre ich deine Betroffenheit in deiner Stimme. Ich sehe die Trauer in deinem Blick.

“Damals gab es im Dorf noch Nazis”, begannst du deine Erzählung. “Gab?” fragte ich mich. Und sah im Inneren die Bilder der Menschen, die sich gegen jede Form der Menschlichkeit wehren. Doch ich sagte nichts.

Du fragtest mich, ob ich an deiner Sprache hören würde, dass du Ausländer seist. Ich fragte dich und mich, wieso du dich als Ausländer wahrnehmen würdest, wo du doch in Deutschland geboren und aufgewachsen bist. Dann erzähltest du, dass du im Kontakt mit Deutschen immer sagen würdest, dass du Araber seist. Im Kontakt mit Arabern würdest du als Deutscher gelten. Hier lächeltest du nicht mehr, sondern sahst mich offen traurig an. Du wirktest so verlassen auf mich – obwohl du mit deinen Eltern und deinen Geschwistern im gleichen Ort lebst. Du wirktest auf mich heimatlos.

Deine Erzählungen machten mich so betroffen, dass ich keine Worte dafür finde.

Ich wünsche dir so sehr, dass du diesen grausamen Teil der Vergangenheit loslassen kannst. Ich wünsche dir, dass du mit der Vergangenheit Frieden schließen kannst. Dass du einen Weg findest, den damaligen Tätern zu vergeben und mit ihnen Frieden schließen kannst. Ich wünsche dir, dass du deine Traurigkeit loslassen kannst.

Ich wünsche dir, dass du jeden Tag Menschen begegnest, die dich als den Menschen sehen, der du bist. Die dich nicht einteilen in den Araber oder den Deutschen. Ich wünsche dir, dass du eine Heimat in dir findest. Dass du in dir ruhst und dein Leben so lebst, wie es dich erfüllt.

Ich danke dem Leben, dass ich dir begegnet bin. Ich danke dir für deine Offenheit. Unser Gespräch hat mein Leben sehr bereichert.

Ich wünsche dir alles Glück der Welt.

Herzliche Grüße

Birte

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